Nov 17
Käthe Kollwitz Museum Köln: Apokalypsen - Daheim und an der Front PDF Печат Е-поща
Автор: artnovini.com   
Петък, 31 Октомври 2014г. 11:45ч.

Käthe Kollwitz, Die Freiwilligen, Blatt 2 der Folge Krieg, Holzschnitt, 1921/1922, Käthe Kollwitz Museum Köln. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2014Käthe Kollwitz, die deutschen Expressionisten - u. a. Otto Dix (1891-1969), Ludwig Meidner, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, George Grosz - und der Erste Weltkrieg

KÖLN. 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal und damit verbunden der Todestag des jüngeren Sohnes von Käthe Kollwitz. Am 22. Oktober 1914 fiel Peter Kollwitz als Soldat 18jährig in Flandern. Aus diesem Anlass zeigt das Käthe Kollwitz Museum (Neumarkt 18-24, 50667 Köln) eine Sonderausstellung: Apokalypsen - Daheim und an der Front (17. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015), mit rund hundert Leihgaben, die Auseinandersetzung der deutschen Expressionisten - u. a. Otto Dix (1891-1969), Ludwig Meidner (1884-1966), Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Max Pechstein (1881-1955), George Grosz (1893- 1959) - mit dem Ersten Weltkrieg beleuchtet. Den künstlerisch verarbeiteten Fronterfahrungen ihrer männlichen Kollegen steht die Position von Käthe Kollwitz (1867-1945) als Daheimgebliebene und Soldatenmutter gegenüber.

Sommer 1914 - die deutschen Expressionisten sind im Urlaub: Ernst Ludwig Kirchner liegt am Strand von Fehmarn und beobachtet Badende, Erich Heckel (1883-1970) malt Windmühlen an der Flensburger Förde und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) findet Ruhe in der Abgeschiedenheit der Steilküste der Hohwachter Bucht, während es Max Pechstein in die Südsee zieht und er mit seiner Frau Lotte die Pazifikinsel Palau bereist. Nur Ludwig Meidner kommt nicht zur Ruhe: In seinem Dresdener Atelier arbeitet der verarmte und von Depressionen geplagte Künstler Tag und Nacht und ersinnt Apokalyptische Landschaften, in denen in verzerrter Perspektive angsterfüllte Gestalten zwischen aufgerissenem Himmel und zerklüftetem Erdreich Seelenqualen erleiden im Angesicht unermesslicher Katastrophen und kommender Kriege. Ein Jahr später ist die deutsche Avantgarde auf den Schlachtfeldern Europas verteilt: in den Schützengräbern von Flandern und auf den Kriegsschauplätzen der Ostfront, in Sanitäts- und Gefangenenlagern, im Heimaturlaub und in Nervenkliniken. Die anfängliche Kriegsbegeisterung schlägt um in blankes Entsetzen, nur wenige Künstler sind nach Kriegsende in der Lage, ihre Motivation zu beschreiben, so wie Otto Dix in einem Interview Jahrzehnte später: Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen. Es war wohl persönliche Veranlagung.

Otto Dix, Lens wird mit Bomben belegt, aus der Mappe Der Krieg, Radierung, 1924, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2014Keine Künstlergeneration des 20. Jahrhundert wurde durch eine vergleichbar scharfe biographische als auch künstlerische Zäsur in ihrem Leben und Wirken so beeinflusst, wie die deutschen Expressionisten durch den Ersten Weltkrieg. Diese Urkatastrophe des beginnenden Jahrhunderts stürzte die jungen Männer in existentielle Erfahrungen, die sie künstlerisch zu verarbeiten suchten. Der Anblick des unermesslichen Grauens auf den Schlachtfeldern, in den Lazaretten und Schützengräbern, aber auch das durch den Verlust von Freunden und Familie erlittene seelische Leid wurden zum Auslöser eines unerschöpflichen Schaffensdrangs, der sich durch expressive Gestaltungsmittel artikulierte und entlud. Dabei war die subjektive Wahrnehmung Ausgangspunkt für das jeweilige OEuvre, dessen primäre Funktion in der Übermittlung eines psychischen Ausdrucks bestand und nicht in der Nachahmung der Wirklichkeit. Die Expressionisten entwickelten durch ihre elementare Formensprache einen künstlerischen Stil, der es ermöglichte, die Kriegserfahrung auf vielfältige Art und Weise zu beschreiben. Insbesondere in druckgraphischen Folgen gelangten sie zu einzigartigen Schöpfungen in der Auseinandersetzung mit der Kriegsthematik.

Bereits in vergangenen Epochen boten graphische Mappen Künstlern ein Terrain, um kriegsbedingte gesellschaftliche Missstände anzuprangern. So sind die Folgen von Jacques Callot (1592-1635), der die verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges schilderte, oder die Mappenwerke von Francisco de Goya (1746-1828), der die Massaker der napoleonischen Besatzung Spaniens bebilderte, zeitlose künstlerische Schöpfungen, die von den Expressionisten rezipiert wurden. So beeinflusst Max Pechsteins Teilnahme an der

Schlacht an der Somme im Jahr 1916, die mit über eine Million toter Soldaten die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkrieges repräsentiert, sein künstlerisches Schaffen nachhaltig. Es erreicht seinen Höhepunkt in der vier Jahre später geschaffenen Radiermappe Somme 1916, in der Pechstein schonungslos die Auswirkungen des technisch­mechanisierten Krieges, aber auch die Brutalität des Nahkampfes in expressiven Bildkompositionen einfängt. Im belgischen Seebad Ostende beschreibt Erich Heckel, der als Sanitätssoldat seinen Dienst leistet, ein anderes Bild von den Schrecken des Krieges: In seinen 1916 geschaffenen Lithographien fängt Heckel die erschöpften und körperlich wie psychisch verwundeten Soldaten in intimen Momentaufnahmen ein und porträtiert einfühlsam deren Verzweiflung und stille Hoffnung.

Max Pechstein, Granateinschlag, Blatt 4 der Mappe Somme 1916, Kaltnadel und Pinselätzung, 1920, Kulturhistorisches Museum Magdeburg. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2014Einen Höhepunkt bildet Otto Dix' Schlachtenepos »Der Krieg« von 1924, das an Drastik und Radikalität in der Kunst der Moderne einen einzigartigen Stellenwert einnimmt. In kühnen Bildschöpfungen bannt Dix den Horror des Gaskrieges und der Grabenkämpfe, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Invaliden sowie die Brutalität gegenüber der Zivilbevölkerung. Anlass für diese Ausstellung ist der Todestag von Peter Kollwitz, dem jüngeren Sohn von Käthe Kollwitz, der vor hundert Jahren, am 22. Oktober 1914, als Freiwilliger mit achtzehn Jahren in Flandern fiel. Dabei bildet der Topos der Apokalypse, der Entschleierung dessen, was das Ende allen Seins bedeutet - der Ausstieg aus dem Schützengraben unter dem Gewitter des gegnerischen Bombardements, der Anblick des Verlust der eigenen Gliedmaßen oder der geöffnete Brief, der den Tod des geliebten Kindes offenbart - das thematische Bindeglied dieser Ausstellung.

Den künstlerisch verarbeiteten Fronterfahrungen der männlichen Kollegen steht die künstlerische Position von Käthe Kollwitz als Daheimgebliebene und Soldatenmutter gegenüber. So wird ihre Verarbeitung von Peters Tod im langjährigen Schaffensprozess des Mahnmals Die Trauernden Eltern veranschaulicht. Persönliche Dokumente wie Briefe oder Tagebücher gewähren dem Besucher einen Einblick in ihre Trauer sowie in ihre Reflexion über Opfertod und Vaterlandsbegriff. Sie treten in einen stillen Dialog mit der 1922-1923 entstandenen Holzschnittfolge Krieg, über die Käthe Kollwitz 23. Oktober 1922 in einem Brief an Romain Rolland (1866-1944) schreibt:

„Verehrter Romain Rolland,
Ihr Brief und Gruß war mir eine große Freude. Während des ganzen Krieges, in den vier dunklen Jahren war ihr Name und noch einige wenige andere - eine Art Trost. Weil Sie das vertraten, was zu hören man sich sehnte. Ich danke Ihnen, daß Sie unseres toten Sohnes gedenken. Heute gerade sind es 8 Jahre her, daß er fiel. Zehn Tage war er im Felde, dann war sein achtzehnjähriges Leben beendet. Er ging gläubig und starb so. Noch schwerer haben es seine Freunde gehabt, die auch alle fielen im Laufe der vier Jahre. Ihr Glaube wankte und wurde Haß und Abscheu gegen den Krieg. Aber der Krieg ließ sie nicht los, sie mußten fast alle verbluten in ihrer schönsten Jugend. Wir alle - in allen kriegsführenden Ländern - haben ja dasselbe getragen. Ich habe immer wieder versucht, den Krieg zu gestalten. Ich konnte es nie fassen. Jetzt endlich habe ich eine Folge von Holzschnitten fertig gebracht, die einigermaßen das sagen, was ich sagen wollte. Es sind sieben Blätter, betitelt: das Opfer - die Freiwilligen - die Eltern - die Mütter - die Witwen - das Volk. Diese Blätter sollen in alle Welt wandern und sollen alle Menschen zusammenfassend sagen: so war es - das haben wir alle getragen durch diese unaussprechlich schweren Jahre.

Ich gebe Ihnen die Hand und danke Ihnen für Ihre guten Worte.
Käthe Kollwitz

Otto Dix. Selbstportrait, 1953. Foto: © Sammlung www.artnovini.comWerkeinführungen zu den Expressionisten

Otto Dix - Der Krieg

Ich habe jahrelang immer diese Träume gehabt, in denen ich durch zertrümmerte Häuser kriechen musste, durch Gänge, durch die ich kaum durchkam. Die Trümmer waren fortwährend in meinen Träumen. Nicht, dass das Malen eine Befreiung gewesen wäre.

Wie kaum ein zweites Werk in der Geschichte der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts erzeugt die 1924 vollendete graphische Folge Der Krieg von Otto Dix beim Betrachter eine nachhaltige Verstörung. Dix, der die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges als Frontsoldat hautnah miterlebte, verarbeitet in dieser Mappe seine Kriegserfahrungen und verdichtet diese zu alptraumartigen Bildschöpfungen, in denen er das unerträgliche Grauen auf einzigartige Weise visualisiert: Soldaten mit Gasmasken, die aus den Gräben hervorstürmen und wie eine Personifikation des Todes erscheinen; Soldaten, die Nonnen vergewaltigen, Schwerstverwundete, die - Untoten gleich - dem Betrachter ihre Hand aus den Gräbern entgegenstrecken und von Maden und Würmern zerfressene Schädel - Dix entwirft hier ein Panoptikum des Schreckens, das der zeitgenössische französische Schriftsteller Henri Barbusse (1873-1935), der 1916 den Antikriegsklassiker Das Feuer veröffentlicht, in einem Vorwort zur Mappe als apokalyptische Hölle beschreibt. Dix entwickelt seine Bildideen jedoch nicht nur aus der subjektiven Erfahrung der eigenen Anschauung, sondern rezipiert auch andere Kunstwerke. So geht beispielsweise das Transplantation betitelte Blatt aus seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit den Photographien Hugo Erfurths (1874-1948) von entstellten Kriegsinvaliden hervor. Das Werk Totentanz Anno 17 ist eine expressionistische Version eines mittelalterlichen Totentanzes. Otto Dix Rezeption von Goyas Zyklus Schrecken des Krieges (Los Desastres de la Guerra; 1810-1820) wird insbesondere in der Anordnung der Leichen in der Graphik Durch Fliegerbomben zerstörtes Haus ersichtlich.

Im Gegensatz zu den anderen Expressionisten ist Dix an einer Vielzahl von Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges aktiv beteiligt. Er kämpft im Herbst 1915 im Anschluss an seine Ausbildung in der Champagne und an der Marne und wird gegen Jahresende zum Unteroffizier befördert. Er nimmt im Sommer und Herbst des darauffolgenden Jahres an der Sommeschlacht teil und wird ab 1917 nach Baupaume versetzt. Im Winter des Jahres 1917 kämpft Dix an der Ostfront, ab 1918 wieder in Flandern. Im Oktober wird Dix zum Vizefeldwebel befördert und im Dezember nach Gera entlassen.

George Grosz. Selbstportrait, Achtung! (Fragment), 1927. Foto: ©  Galerie Nierendorf, BerlinGeorge Grosz - Gott mit uns

Der 21jährige George Grosz meldet sich im November 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. Seine Gründe hierfür sind jedoch nicht patriotisch motiviert. Vielmehr greift er, nach eigener Aussage, einer Einberufung vor, da er im wehrdienstfähigen Alter ist. Bereits im Mai 1915 wird er im Anschluss an eine Operation wegen einer Stirnhöhlenvereiterung als dienstuntauglich entlassen, jedoch zwei Jahre später erneut eingezogen. Einen Tag nach seiner Einberufung zum Landsturm-Infanterie-Bataillon nach Guben erleidet Grosz einen Nervenzusammenbruch. Meine Nerven, so Grosz, gingen entzwei, ehe ich dieses Mal die Front, verweste Leichen und stechenden Stacheldraht sah.

Grosz wird im Februar 1917 in die Nervenheilanstalt Görden bei Brandenburg eingeliefert, in der er einen Sanitätsoffizier tätlich angreift. An seinen späteren Schwager Schmalhausen schreibt Grosz: Lieber - verpflanz niemals den Baum in andere Erde, er geht ein - so mir die Nerven, jede kleinste Faser, Abscheu, Widerwillen - nun meinetwegen krankhaft - jedenfalls totales Versagen, selbst allmächtigem Paragraphenzwang gegenüber. Der bekannte Psychiater Magnus Hirschfeld (1868-1935) attestiert Grosz in einem Gutachten dessen Dienstuntauglichkeit, woraufhin Grosz im April aus der Nervenheilsanstalt entlassen wird.

Seine lithographische Mappe Gott mit uns, die 1920 im Berliner Malik-Verlag erscheint, repräsentiert auf einzigartige Weise die durch eigene Erfahrung gesättigte Kritik von Grosz am deutschen Militarismus. In den neun Blättern beschreibt er mit beißendem Zynismus die deutsche Reichswehr als menschenverachtende Institution, die nach dem Ende des Krieges mit unvergleichbarer Brutalität gegen die Bevölkerung des eigenen Landes kämpft und nicht vor Mord an Zivilisten und Oppositionellen zurückschreckt, wie insbesondere in der Lithographie Die Kommunisten fallen und die Devisen steigen ersichtlich wird, für das Grosz ein Zitat Rosa Luxemburgs in leicht abgewandelter Form (Die Dividenden steigen und die Proletarier fallen.) auf besonders schonungslose Weise bebildert. Den sarkastischen Höhepunkt der graphischen Folge bildet das Blatt Die Gesundbeter, das einen Militärarzt bei der Musterung zeigt, der ein Skelett als KV, als kriegsdienstverwendungsfähig klassifiziert.

Die Mappe wird erstmals im Jahre 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin ausgestellt. Im Jahr darauf werden Grosz und sein Verleger Wieland Herzfelde aufgrund dieser Publikation angeklagt und wegen Beleidigung der Reichswehr zu einer Geldstrafe von 300 Reichsmark verurteilt. Kurt Tucholsky (1890-1935), der den Prozess beobachtet, schreibt in gewohnt satirischer Manier über Grosz’ Meisterwerk: Seine Mappe Gott mit uns sollte auf keinem gut bürgerlichen Familientisch fehlen - seine Fratzen der Majore und Sergeanten sind infernalischer Wirklichkeitsspuk.

Ludwig Meidner. Selbstportrait, 1912 (Fragment). Foto: John R. Glembin © Ludwig Meidner - Archiv, Juedisches Museum der Stadt Frankfurt am MainLudwig Meidner - Der Krieg

Lieber Ludwig! Nun ist es soweit. Krieg. Maßlose Begeisterung unter den Leuten - und in mir. Es war so viel zu tun, dass ich erst heute schreiben kann. Lieber Kerl, wir alle sind so sicher zu siegen...Wahrscheinlich sind wir schon morgen am Feinde. Dann werde ich Dir Tips für deine Schlachtenbilder geben können. Jetzt aber bin ich fern aller Kunst gerückt.

Diese Zeilen schreibt der Dichter Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914) auf einer Postkarte im August 1914 an seinen Freund Ludwig Meidner. Einen Monat später fällt der 24jährige Lotz nördlich von Reims. In seinen Memoiren beschreibt Meidner den unermesslichen Verlust seines Freundes, dessen Tod bei dem ohnehin labilen Maler große seelische Verzweiflung auslöst: Im Beginn des Herbstes... kam mir die Kunde von des Freundes frühem Tod. Der Zarte, Selige lag nun hingestreckt auf Frankreichs Erde. Ich sank wieder in meines offenen Sarges Jammerschrei zurück, und tausend Messer und Schaufeln und Äxte zerfleischten meine Brust.

Nach dem Tod von Lotz beginnt Meidner mit der Arbeit an der achtteiligen Mappe Krieg, in der er in kühnen Bildkompositionen apokalyptische Szenerien gestaltet. Auf dem Titelblatt der Mappe inszeniert sich Meidner in einem Selbstporträt als Tod mit gebrochener Sense, der, aus einem Schützenkrater hervorsteigend, drohend und von unerbittlichem Hass erfüllt, den Betrachter mit starren Augen anblickt.

Mit expressiven Gestaltungsmitteln fängt Meidner im zweiten Blatt der Folge die Auswirkungen einer Bombenexplosion ein. Die Detonation und die daraus resultierende Zerstörung der Brücke in der Bildmitte scheinen eine Gravitationswelle nach sich zu ziehen, die die Perspektive der Häuser verzerrt. Die Fassaden werden durch den Sog der Explosion angezogen, wandeln ihre Form und werden ins Längliche gedehnt.

Im Sommer des Jahres 1916 wird Meidner zum Militärdienst einberufen. Nach abgeschlossener Infanterieausbildung wird er als französischer Dolmetscher in einem Kriegsgefangenlager in Cottbus eingesetzt. Seine Funktion besteht in der Übersetzung der Briefe der Kriegsgefangenen und ihrer Zensur. Im Jahr 1918 soll Meidner an die Ardennenfront versetzt werden. Infolge der Erkrankung an einer Bartflechte wird er in ein Lazarett in Aschaffenburg verlegt. Entsetzt berichtet er von seinen Erlebnissen: Hier sieht es aus wie auf meinen Bildern. Unerwartetes, der Jüngste Tag bricht an in großem Raum, zerbricht im Tumult der Vertikalen. Dir graut und du nimmst Reißaus vor deinen schmerzhaften Gesichtern.

Max Pechstein. Selbstbildnis mit Hut und Pfeife, 1918 (Fragment). Foto: Kunsthaus Zürich © Pechstein - Hamburg/TökendorfMax Pechstein - Somme 1916

Max Pechstein erlebt den Ausbruch des Ersten Weltkrieges während seines Aufenthaltes auf der Pazifikinsel Palau, die zum damaligen Zeitpunkt eine Kolonie des Deutschen Reiches ist. Die Japaner besetzen Palau, nachdem sie Deutschland am 23. August den Krieg erklärt haben und verbannen Pechstein von der Insel. Die Rückreise in die Heimat dauert nahezu ein ganzes Jahr und führt den Künstler erst nach New York, wo er zu einem mehrmonatigen Aufenthalt gezwungen wird. In einem Brief schildert Pechstein seinen verzweifelten Wunsch, Amerika so schnell wie möglich verlassen zu können, um an dem Kriegsgeschehen teilzunehmen:

Vier Jahre später schafft Pechstein die neun Radierungen umfassende Mappe Somme 1916, in der er in Einzelszenen schlaglichtartig unterschiedliche Aspekte des Kampfgeschehens sowie des Frontalltages beleuchtet. Pechsteins Radierstil ist in dieser graphischen Folge durch die holzschnittartige Figurenkomposition gekennzeichnet. Die Figurenkörper werden mit starken Umrisslinien gestaltet, ihre Plastizität durch hartkantige Schraffuren herausgearbeitet. Im Gegensatz zu den Mappenwerken von Dix, Meidner und Willy Jaeckel (1888-1944) stellt Somme 1916 keine eindeutige Kritik am Krieg dar. Das Titelblatt zeigt einen deutschen Soldaten mit einem Hydra­ähnlichen Wesen kämpfend, dessen Köpfe unentwegt nachwachsen. Einer dieser Köpfe des schlangenartigen Ungeheuers wird durch seinen Brodie-Helm, einem flachen Stahlhelm, der von der britischen Armee verwendet wurde, eindeutig gekennzeichnet. Pechstein entwirft hier eine unzweifelhafte Metapher für die Herkulesaufgabe der deutschen Armee, die an der Somme der mehrmonatigen britischen Großoffensive Einhalt gebot.

Drei Wochen bin ich nun in New York und habe bis jetzt vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht, den letzen Wasserweg zu überwinden, um nach Hause zu kommen. Jede Faser zieht mich nach Deutschland, und dass ich nicht im Stande bin, mitzukämpfen, mit beizutragen an der Verteidigung unseres Vaterlandes, drückt mich danieder. Unbeeindruckt von der Nachricht des Todes seiner beiden Brüder, meldet sich Pechstein nach seiner Rückkehr umgehend zum Kriegsdienst. Im Anschluss an die in seiner Heimatstadt Zwickau erhaltene Grundausbildung wird Pechstein im Mai 1916 nach Flandern abkommandiert. Ab August nahm er an der Schlacht an der Somme teil, die mit über 1. Million toter oder schwer verletzter Soldaten als verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkrieges in die Geschichte eingehen wird.

Willy Jaeckel. Selbstportrait, 1912 (Fragment). Foto: ©  The Riffkind Collection of German Expressionist PrintsWilly Jaeckel - Memento 1914/1915

Anfang des Jahres 1916 rettet eine Auftragsarbeit Willy Jaeckel zunächst vor dem gefährlichen Dienst als Kriegskartograph an der Ostfront. Der Hanno-veraner Keksfabrikant Hermann Bahlsen (1859-1919) beauftragt Jaeckel mit der Anfertigung von vier großformatigen Wandbildern für die Kantine des niedersächsischen Werkes, von denen heute nur noch Skizzen erhalten sind, da sie bei einem Bombenangriff im Jahre 1944 zerstört worden sind. Die vier Bilder, wie beispielsweise die von einer heiteren, frommen Stimmung geprägte Landschafts­idylle Andacht und Schauen, reprä­sentieren das diametrale Gegenteil zu der erschütternden, zwei Jahre zuvor entstanden Kriegsfolge Memento 1914/15.

Diese schildert in einer kaum zu überbietenden Drastik insbesondere das unermessliche Leid der Zivilbevölkerung während des Krieges. Unter anderem die Darstellung einer Vergewaltigung durch fünf Soldaten, sowie, im darauf folgenden Blatt, die Positionierung der geschändeten Frau, deren unter den Trümmern hervorkriechendes Kind den Betrachter fragend anblickt, führten zu einem sofortigen Verbot der Mappe nach deren Erscheinen. Der subtile Affront von Jaeckels Kriegskritik besteht in dessen bewusst ambivalenter Gestaltung der Uniformen der Soldaten, die, alle helmlos, keiner Kriegspartei zugeordnet werden können. Ob nun Täter oder Opfer aus den eigenen oder feindlichen Reihen stammen, bleibt offen. Obwohl die Figuren durch ihre massigen Proportionen und bildfüllende Präsenz eine ungeheure Nähe des Kriegserlebnisses evozieren, stellen sie eine künstlerische Fiktion dar, da Jaeckel zum Produktionszeitpunkt den Krieg noch nicht aus eigener Anschauung kannte. Jaeckel wird Anfang des Jahres 1918 eingezogen und ist bis zum Kriegsende in der 40 km südlich von der Hauptstadt des Departements Ardennes, Charleville-Mezieres, gelegenen Gemeinde Rethel stationiert, in der er als Kurier tätig ist.

Constantin von Mitschke-Collande. Selbstportrait (1947). Foto: ArchiveConstantin von Mitschke-Collande -
Der begeisterte Weg

Constantin von Mitschke-Collande (1884-1956) schafft den Holzschnittzyklus Der begeisterte Weg als Illustration zu Walther Georg Hartmanns (1892-1970) gleichnamiger Erzählung. Hartmann schildert darin die parabelhafte Geschichte eines Soldaten, der gegen Ende des Ersten Weltkrieges nach Berlin zieht. Im Zuge der Straßenkämpfe der Novemberrevolution wird der Soldat getötet und streift fortan als Geist durch die von politischen Unruhen heimgesuchte Hauptstadt. Der Geist des Soldaten beobachtet die Ermordung eines Revolutionsführers durch drei Reichswehrsoldaten und überzeugt diese ihre Tat zu bereuen. Auf der Trauerfeier des getöteten Revolutionärs erscheint der Geist und verkündet vor der erschrockenen Trauerge­meinde, die Zeit sei gekommen, die gewalttätigen Auseinandersetzungen zu beenden und einen gemeinschaftlichen, friedvollen Weg in der Neugestaltung Deutschlands zu begehen. Die Menge stimmt der Botschaft des Soldaten begeistert zu, woraufhin seine erlöste Seele gen Himmel aufsteigt.

Hartmann propagiert in dieser politischen Allegorie die Aufkündigung der gewaltsamen revolutionären Bestrebungen der Linken. Die Person des Revolutionsführers besitzt die Züge Karl Liebknechts, der von Freikorps-Offizieren im Januar 1919 ermordet wurde.

Mitschke-Collande, selbst Mitglied der KPD, stellt in seinem Holzschnittzyklus den religiösen Aspekt von Hartmanns Erzählung unter Verwendung einer christlichen Symbolik in den Mittelpunkt. In dem vierten, Du hast deinen Bruder getötet betitelten Blatt der Folge inszeniert Mitschke-Collande den ermordeten Revolutionsführer in der Pose Christi nach der Kreuzabnahme. Am oberen Bildrand erscheinen zwei mit den Attributen Waage und Bogen gekennzeichnete apokalyptische Reiter. Im Die Zeit ist reif betiteltem Blatt, dem letzten der Folge, ist der Soldat dargestellt, der, von seinen irdischen Leiden erlöst, über die Sonne hinaus gen Himmel aufwärts fährt.

Käthe Kollwitz. Selbstportrait (?). Foto: © jewishcurrents.orgWerkeinführung zu Käthe Kollwitz

Käthe Kollwitz - Krieg

An diesem Tag war es wohl auch, an dem Peter abends Karl bittet, ihn vor Aufgebot des Landsturms mitgehen zu lassen. Karl spricht mit allem dagegen, was er kann... Karl: Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen. Peter leise, aber fest: Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es. Immer wendet er sich stumm mit flehenden Blicken zu mir, daß ich für ihn spreche. [...] Ich stehe auf und Peter folgt mir, wir stehen an der Türe und umarmen und küssen uns, und ich bitte den Karl für den Peter. - Diese einzige Stunde. Dieses Opfer, zu dem er mich hinriß, und zu dem wir Karl hinrissen.

(Die Tagebücher, 10. August 1914)

Wenngleich Käthe und Karl Kollwitz (1863-1940) sich dem nationalistischen Taumel, der so viele deutsche Schriftsteller und Künstler 1914 in den Strudel der vaterländischen Begeisterung hineinriss, weitgehend entziehen konnten, so fühlten sie sich doch auch in erster Linie als Deutsche, die ihr Vaterland angegriffen und gefährdet sahen.

Den Tod des Sohnes Peter im Oktober 1914 als junger Kriegsfreiwilliger empfanden sie als Opfer, unter Sorgen und Schmerzen, aber aus freien Stücken dargebracht. Es bedurfte eines langen und schmerzhaften Prozesses, bis Staatstreue und Vaterlandsliebe, aus Solidarität mit dem toten Sohn und seinen Freunden aufrechterhalten, von der Überzeugung verdrängt wurden, dass die Gesellschaft der Zukunft von Pazifismus und Internationalismus geprägt sein müsse.

Das Verhältnis von Hans Kollwitz (1892-1971), dem älteren Sohn von Käthe Kollwitz, zu seinem Bruder, von Anfang an nah, hat sich im Sommer 1914 noch intensiviert. War Peter jahrelang der Kleine gewesen, über dessen Berufsentscheidung und Entwicklungsprobleme sich Käthe Kollwitz mit dem großen Sohn beriet, so diskutieren die Brüder jetzt auf gleicher Ebene, wandern zusammen und gründen mit einem Kreis von Freunden eine Fichtegesellschaft, die durch Beeinflussung der Jugend im Fichteschen Sinne eine Umgestaltung der Menschheit nach dem Ideellen hin (Die Tagebücher, April 1914) bewirken soll.

Diesen Träumen macht der Kriegsausbruch im August 1914 ein rasches, gewaltsames Ende. Beide Söhne melden sich sofort freiwillig. Während Peter nach kurzer Infanterieausbildung bei Dixmuiden am 22. Oktober 1914 fällt, wird Hans zunächst zurückgestellt. Nach einer Sanitäterausbildung ist er in den folgenden Jahren wechselnden Reserve- und Feldlazaretten zugeteilt. Im November 1918 kommt er zurück. So ist er da. Wird das Schicksal ihn uns lassen? Ich denke ja. Er ist da und wir haben das gute ruhige befriedigte Gefühl, dass der Krieg aus ist für uns. (Die Tagebücher, 20. November 1918)

Briefe von Käthe Kollwitz an ihren Sohn Hans ins Feld sind Briefe voller Sorge, Sehnsucht, Hoffnung auf Urlaub und Hoffnung auf Rückkehr. Zudem geben sie einen unmittelbaren Eindruck vom Leben in Berlin während der Kriegsjahre, von Hunger, Kälte, Epidemien, von Streiks und politischen Auseinandersetzungen und der wachsenden Friedenssehnsucht. Auch reflektiert Käthe Kollwitz über Vaterlandsbegriff und Opfertod - sie will, sie kann es nicht akzeptieren, dass der Tod des jüngeren Sohnes vergeblich war, umsonst, für eine falsche Sache. Der politische Umbruch und Aufbruch in Russland ermöglicht ihr eine neue Sicht: Peters Tod erscheint ihr nun als Opfer für die Höherentwicklung der Menschheit über nationale Grenzen hinweg. (Brief an Hans Kollwitz vom 2. Dezember 1917)

Diese Erkenntnis hilft ihr auch aus ihrer künstlerischen Erstarrung. Die Arbeit an dem Mahnmal für den gefallenen Sohn Peter und seine Freunde, mit der sie sich seit 1915 wechselnd zu trösten versucht und quält, schiebt sie beiseite. Noch etwas kraftlos und unsicher zunächst, beginnt sie wieder graphisch zu arbeiten. Die ersten Kriegsblätter entstehen, die schließlich zur Holzschnittfolge Krieg zusammenwachsen (1921/22). Die neue Form für den neuen Inhalt dieser letzten Jahre (Die Tagebücher, 6. November 1917) bildet sich langsam heraus.

Aus den Einführungen von Jutta Bohnke-Kollwitz zu den Aufzeichnungen von Käthe Kollwitz in: Die Tagebücher (1. Aufl. 1989) und Briefe an den Sohn (1. Aufl. 1992)

* * *

Zitate der Expressionisten zum Krieg

„Ich glaube, wer den Krieg malen will, muss erst den Frost malen lernen. Soldaten müssen entsetzlich viel frieren, und frieren ist lähmend und lähmen ist schlimmer als töten. Aber woher sollen wir das hinterm Ofen wissen, wenn wir uns weißes Papier vorholen und unsre Zigarren in Dampf setzen?

Ernst Barlach, Brief an Reinhard Piper, 20. Februar 1916

„Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen. Es war wohl persönliche Veranlagung.

Otto Dix, Interview mit Hans Kinkel, Stuttgarter Zeitung, 30. November 1961

„Ich musste auch erleben, wie neben mir einer plötzlich umfällt und weg ist und die Kugel trifft ihn mitten. Das musste ich alles ganz genau erleben. Das wollte ich. Also bin ich doch gar kein Pazifist - oder? - vielleicht bin ich ein neugieriger Mensch gewesen. Ich musste das alles selber sehen. Ich bin so ein Realist, dass ich alles mit eigenen Augen sehen muss, um das zu bestätigen, dass es so ist. Also ich bin eben ein Wirklichkeitsmensch. Alles muss ich sehen. Alle Untiefen des Lebens muss ich selber erleben; deswegen gehe ich in den Krieg, und deswegen habe ich mich auch freiwillig gemeldet.

Otto Dix, Dezember 1963, Schallplatte des Erker Verlag St. Gallen

„Der Einfluss des Krieges auf mich war absolut negativ. Für mich war es nie die ,Befreiung', als die er so oft begrüßt wurde.

„Ich war zwar unpolitisch, aber doch irgendwie im humanistischen Geist aufgewachsen. Krieg war für mich Grauen, Verstümmelung und Vernichtung. Gewiss, zuerst war da so etwas wie Massenbegeisterung. Krieg, das war dann alles andere als die anfängliche Begeisterung; es wurde Dreck und Läuse, Stumpfsinn, Krankheit und Verkrüppelung.

„Der Ausbruch des Krieges machte mir klar, dass die Mehrzahl der Masse willenlos war, als sie begeistert durch die Straßen zog, ausnahmslos gebannt vom Willen des Militärs. Den Krieg betrachte ich als eine ins ungeheuerliche ausgeartete Erscheinungsform des Kampfes um Besitz.

alle aus: George Grosz, Ein kleines Ja und eine großes Nein, Autobiografie, 1955

„Ich bin mir bewusst, wie gut das Schicksal mit mir war, dass ich diese Zeit am Meer und als immerhin tageweise Freier verbringen konnte. Ich habe viel baden können, hin und wieder etwas zeichnen.

Erich Heckel, Brief an Gustav Schiefler, 1. Oktober 1915

„Der Krieg hat uns alle zu seinen Sklaven gemacht und man hat ihn nicht überwunden, wenn man seine Folgen und Schrecken kennt. All unser Pathos tilgt nicht die große Lüge, das untröstliche Leid, das er verursacht.

Willy Jaeckel, Brief an Anton Brüning, 19. November 1914

„Zunächst machte ich Holzschnitte vom Krieg - einen Antikriegszyklus mit Gedichten von Bröger, Dehmel, Lersch, Weber, Winckler und Hasenclever zum Schluß. Nie, so sehr ich mich auch abmühte, genügten sie und erst später sah ich, daß in einigen Blättern doch etwas von doch etwas von dem Grauen der Zeit und der Not eingefangen.

Franz M. Jansen, Von damals bis heute. Lebenserinnerungen 1981

„Schwerer als alles andere lastet der Druck des Krieges und die überhandnehmende Oberflächlichkeit. Ich habe immer den Eindruck eines blutigen Karnevals. Wie soll das alles enden?

Ernst Ludwig Kirchner, Brief an Gustav Schiefler, November 1916

„Nieder mit der Gewalt!! Alle Kreaturen Gottes sollen leben und atmen dürfen! Ich wende mich an die Ärmsten und Betrogensten. Ich wende mich an alle Verstümmelten und an die Geister der zahlreichen Millionen, die der Krieg gefressen hat. Ihr meine Revolte-Schreie, ha - ihr sollt die Welt aufrütteln!!

Ludwig Meidner, Im Nacken das Sternenmeer, Prosa, 1918

„Der Weltkrieg zermalmte meinen Mut und die große Weltseligkeit ging in Scherben und ich war ein Hasser des Vaterlandes.

Ludwig Meidner, Mein Leben, Autobiografie, 1919

„Verdorrtes Bruderblut - Krieg, Krieg! - der heiseren Hassenden Würghände noch immer, noch immer im Land. Blutlachen auf der weiten, keuschen Erde. Oh, warum musste Krieg sein, Hungersnot, Hader und soviel Menschenhass?!

Ludwig Meidner, Septemberschrei, Prosa und Lyrik, 1920

„Es war ein dicker Strich, den der Schützengraben durch mein Leben gezogen hatte, denn während ich die gesamte Zeit von einem Frontteil zum anderen wanderte, blieb mir nicht einmal genügend Zeit, um den Körper auszuruhen. Die Sinne waren abgestumpft. Oft fürchtete ich seelisch zugrunde zu gehen. Und doch hätte ich es nicht vermocht, von sicherem Lande aus zuzuschauen, wie meine Brüder starben und die Eltern sich quälten. Nun ist der wilde Traum zu Ende.

Max Pechstein, Brief an Georg Niemann, 1919

* * *

Zitate Käthe Kollwitz
zum Soldatentod des Sohnes und zum Krieg

„Die Männer die in den Krieg gehn, hinterlassen meist Frau und Kinder, ihr Herz ist geteilt. Die Jungen sind in ihrem Herzen ungeteilt. Sie geben sich mit Jauchzen. Sie geben sich wie eine reine schlackenlose Flamme, die steil zum Himmel steigt.$

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 13. August 1914

„Der schöne Schal kann unsern Jungen nicht mehr wärmen. Er liegt tot unter der Erde. Er ist bei Dixmuiden als erster seines Regiments gefallen. Er brauchte nicht zu leiden. Bei Sonnenaufgang hat das Regiment ihn begraben, seine Freunde haben ihn ins Grab gelegt. Dann sind sie an ihre furchtbare Arbeit gegangen. Wir danken Gott, daß er so sanft hinweggenommen ist vor dem Gemetzel.

Käthe Kollwitz an Marie Schröder, November 1914

„Ich will Dich ehren mit dem Denkmal. Alle die Dich lieb hatten behalten Dich in ihrem Herzen, weiter wirst Du wirken bei allen, die Dich kannten und Deinen Tod erfuhren. Aber ich will Dich noch anders ehren. Den Tod von euch ganzen jungen Kriegsfreiwilligen will ich in Deiner Gestalt verkörpert ehren. In Eisen oder Bronze soll das gegossen werden und Jahrhunderte stehn.

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 3. Dezember 1914

„Liebe und Lassenmüssen des Geliebtesten und es halten - immer dasselbe. Wie kommt es daß seit Jahren - vielen Jahren - immer dasselbe in meiner Arbeit sich wiederholt? Das vorgeahnte Opfer? Aber eines [ist] genug - Hans - eines genug.

Käthe Kollwitz an den Sohn Hans, 29. Januar 1915

„Peter war Saatfrucht die nicht vermahlen werden soll. Er selbst war die Saatfrucht. Wäre es mir oder Vater möglich gewesen für ihn zu sterben, daß er leben durfte - o wie gern wären wir gegangen. Für Dich wie für ihn. Aber es ging nicht. Ich bin nicht Saatfrucht, ich hab nur die Aufgabe das in mich gelegte Samenkorn zu Ende zu entwickeln.

Käthe Kollwitz an den Sohn Hans, 21. Februar 1915
„Ich arbeite an der Darbietung. Ich mußte - es war direkt ein Zwang - alles ändern. Die Figur bog sich von selbst unter meinen Händen - wie nach eigenem Willen - nach vorne über. Nun ist sie nicht mehr die Aufrechte. Ganz tief bückt sie sich und reicht ihr Kind dar. In niedrigster Demut.

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 27. April 1915

„Gewiß wirkt auch die kurze Spanne Zeit nach, in der Ihr dann hier sein durftet, ganz gewiß seid ihr Saat, die Frucht tragen wird - aber diese köstliche Aussaat, die vieltausendfältig jetzt der Tod ausstreut - mein lieber Sohn du weißt wie heilig sie mir ist - aber es muß auch Pflanzen geben, die groß werden und voll auswachsen und Schatten und Frucht geben.

Käthe Kollwitz an den Sohn Hans, 29. April 1915

„Meine unhaltbar widerspruchsvolle Stellung zum Kriege. Wie ist die gekommen? Durch Peters Opfertod. Was mir damals klar wurde und was ich in meiner Arbeit halten wollte, das wir mir jetzt wieder so schwankend. Ich glaube Peter nur behalten zu können, wenn ich was er mich damals lehrte, nicht mir entziehen lasse. Nun dauert der Krieg zwei Jahre und 5 Millionen junge Männer sind tot und mehr als noch mal so viele Millionen Menschen sind unglücklich geworden und zerstört. Gibt es noch irgend etwas was das rechtfertigt?

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 27. August 1916

„Peter, Erich, Richard, alle stellten ihr Leben unter die Idee der Vaterlandsliebe. Dasselbe taten die englischen, die russischen, die französischen Jünglinge. Die Folge war das Rasen gegeneinander [...]. Ist also die Jugend in all diesen Ländern betrogen worden? Hat man ihre Fähigkeit zur Hingabe benutzt um den Krieg zustande zu bringen? Wo sind die Schuldigen? Gibt es die? Sind alles Betrogenen? Ist es ein Massenwahnsinn gewesen? Und wann und wie wird das Aufwachen sein?

Der Abgrund hat sich nicht geschlossen. Millionen hat er verschlungen und klafft noch. [... ] Ist es treulos gegen dich - Peter - wenn ich nur noch den Wahnsinn jetzt sehn kann im Kriege?

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 11. Oktober 1916

„Dann zu Hause mach ich Peters kleinen Baum zurecht. Er steht wie in den beiden verflossenen Jahren hinter seinem Bett, 20 kleine Wachskerzen, 20 kurze Jahre, brennen ab."

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, Weihnachten 1916
„Wir kommen hier zu Hause jetzt in die knappste Zeit. Noch nichts von frischem Gemüse, Wintergemüse kaum mehr zu haben, Kartoffeln so gut wie gar keine, Brot vom 1. April ab eine Wochenration von 1450 Gramm [...]. Das Volksküchenessen haben wir aufgegeben, weil es immer dürftiger wurde. Ob wir aber auf die Dauer ohne es durchkommen werden, weiß ich noch nicht. Es ist eine Probe.

Käthe Kollwitz an den Sohn Hans, 26. März 1917

„Und an uns denke, daß wir wieder in Peters Stube sitzen bei den Lichtern, die seine jungen 20 Jahre leuchten lassen und allmählich verlöschen. Aber denke uns nicht traurig, sondern im Glauben an den kommenden Frieden und an Deine Heimkehr.

Käthe Kollwitz an den Sohn Hans, 10 Dezember 1916

„Ganz unmöglich war mir damals die Vorstellung, die Jungen gehen zu lassen, wie die Eltern ihre Jungens jetzt gehen lassen müssen, ohne inneres Ja-Sagen - nur zur Schlachtbank. Das ist das, was alles anders macht. Das Gefühl, wir waren betrogen damals. Und der Peter lebte vielleicht noch, wenn nicht dieser furchtbare Betrug gewesen wäre. Der Peter und die Millionen und Millionen, viele Millionen anderer. Alle betrogen.

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 20. März 1918

„[... ] nach all dem Hin- und Hergerissensein bin ich für mich jetzt zu einer klaren Stellungnahme gekommen: Gegen den Widerstand bis aufs letzte. Der Krieg ist wohl sowieso verloren, es käme nur noch darauf an in „Ehren" unterzugehen und da sage ich nein. Was Deutschland jetzt noch an jungen Männern hat, braucht es unbedingt zum Wiederaufbau. Ich halte es nicht für ehrlos, wenn ein Volk, das sich vier Jahre wirklich gegen eine Welt von Feinden wehrt, zuletzt nicht mehr weiter kann. Fürchterlich verderblich kommt es mir aber vor, daß auch dies letzte an Jugend noch hingeopfert werden soll. Ach, das ist ein Kämpfen hier, eine Leidenschaft der gegenteiligen Stellungnahme. Dahinter steht der Friede, aber erst heißt es noch durch ein Meer von Grauen durch. Ich fürchte, die Revolution ist unvermeidlich..

Ich lege Ihnen den heutigen Vorwärts bei, in dem ich gegen Dehmel Stellung nehme. Ich konnte es nicht mehr aushalten, mußte öffentlich sagen, was ich meine.

Käthe Kollwitz an Erna Krüger, 25. Oktober 1918

„Arbeite das Blatt Eltern um. Es kommt mir augenblicklich ganz schlecht vor. Viel zu hell und hart und deutlich. Schmerz ist ganz dunkel.

Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, 13. Dezember 1922

„Es könnte alles so schön sein, wenn nicht dieser Wahnsinn des Krieges wäre. Sage nicht es hat schon immer Kriege gegeben, damit überzeugst du mich nicht, Kriege wohl, aber nicht den Krieg. Aber einmal wird ein neues Ideal erstehen, und es wird mit allem Krieg zu Ende sein. In dieser Überzeugung sterbe ich. Man wird hart dafür arbeiten müssen, aber man wird es erreichen. Ich: Du meinst den Pazifismus? Ja, wenn du unter Pazifismus mehr verstehst als nur Anti-Krieg. Es ist eine neue Idee, die Idee der Bruderschaft der Menschen."

Käthe Kollwitz im Gespräch mit der Enkelin Jutta Bohnke, in: Briefe der Freundschaft

* * *

Kurator der Ausstellung Apokalypsen - Daheim und an der Front im Käthe Kollwitz Museum Köln - Alexander Gaude M.A.

Geboren 1980 in Velbert, Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Wuppertal und Münster. Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Mitglied des Sonderforschungsbereichs für symbo­lische Kommunikation und gesellschaftliche Werte­systeme.

Forschungsschwerpunkte: Künstlerische Avantgarden des 20. Jh. (Deutscher Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus, Futurismus) Pablo Picasso, Franzö­sischer Impressionismus.

Joomla Templates and Joomla Extensions by ZooTemplate.Com
Последна промяна от Вторник, 04 Ноември 2014г. 16:02ч.